Ulloa, Physikalische und historische Nachrichten vom südlichen und nordöstlichen America (Vorwort)

Meines Wissens existiert nur diese deutsche Übersetzung der Noticias americanas von 1781, von der sich hier das transkribierte Vorwort findet. Ein kommentierter Nachdruck wäre sehr zu empfehlen.

Prólogo / Vorwort

Don Antonio de Ulloa, Comthurs von Ocaña und Ritters vom Orden von Santiago, General=Lieutenant der königl. Spanischen Flotte, Mitglieds der königl. Gesellsch. der Wissensch. zu London, und der königl. Akademien der Wissenschaften zu Stockholm, zu Berlin u. s. w. Physikalische und historische Nachrichten vom südlichen und nordöstlichen America.

Aus dem Spanischen überstzt von Johann Andreas Dieze, Prof. der gelehrten Geschichte zu Göttingen. Mit Zusätzen. Erster/ Zweyter Theil [sic]

Leippzig, Weidmanns Erben 1781

Teil 2: Vorrede des Uebersetzers (Auszüge)

Die Striche (”/”) entsprechen den Seitenwechseln im Original. Vorbericht des Verfassers (S. III-XXI)

[IV] Der Endzweck dieses Werks ist, einige Nachrichten von America mitzutheilen, da es so wenige Schriftsteller giebt, welche die vielen Merkwürdigkeiten, die jene weitläuftige Länder enthalten, so ausführlich beschrieben, als sie nach dem Verhältnisse ihres Umfangs und bey dem überflüssigen Stoffe, den sie zu einer ausführlichen Beschreibung darbieten, verdienten. Die Absicht ist hier nicht, eine allgemeine und vollständige und alles umfassende Beschreibung zu liefern; denn zur Ausführung einer so grossen Unternehmung würde es nöthig seyn ein Werk zu schreiben, welches der Größe des Gegenstandes entspräche, und hierzu würde erfor- | [V] dert werden, jene Länder in ihrem weiten Umfange zur Erreichung dieses Endzwecks genau untersucht zu haben: eine Untersuchung, welche die ganze Lebenszeit mehrerer Menschen, die sich einzig damit beschäftigten, alle daselbst anzutreffende Besonderheiten aufzuzeichnen, erfordern würde. In dem gegenwärtigen Werke hat man sich bloß auf allgemeine Nachrichten eingeschränkt, welche zur Kenntnis jenes Welttheils, der Naturgeschichte und der vorzüglichen Merkwürdigkeiten desselebn dienen; un dieses scheint der Absicht, die seltensten und merkwürdigsten Producte der Natur kennen zu lernen, am gemäßesten. Diese Gegenstände sind zu allen Zeiten der Untersuchung und Aufmerksamkeit der Menschen würdig gehalten worden, indem sie das Studium dieser weisen Lehrerinn [sic] als den Grund ihrer Einsichten angenommen, und ihre Werke mit andern verglichen haben, da man in ihnen, so weit als die Grenzen der menschlichen Erkenntnissse reichen, das, was in der Welt am außerordentlichsten und bewundernswürdigsten ist, antrifft.

Man kann annehmen, daß der Grund, warum einige Völker keine Cultur kennen, und von so eingeschränkten Fähigkeiten sind, darinnen

/ [VI] liegt, weil ihnen eine richtige Kenntnis der Werke der Natur fehlt, und sie deswegen in einem unglücklichen Zustande von Barbaren versenkt bleiben. Der Abstand zwischen dieser und einer vernünftigen Aufklärung macht den Unterschied zwischen beyden einander entgegengesetztesten Verfassungen der Menschen aus. Einige sind cultivirt, und im Stande vernünftig zu schließen und zu urtheilen, andere hingegen in einem solchen Zustande, daß man sie in vielen Dingen beynahe mit den unvernünftigen Geschöpfen in eine Klasse setzen kann. Jene, welche eine Kenntnis der Werke der Natur haben, können dieselben einsehen, wissen sie gehörig zu schätzen, und bedienen sich der Mittel nachzudenken, zu überlegen, zu urtheilen, und selbst etwas hervorzubringen; die andern, die den Grund der Dinge nicht wissen, sehen alles als einerley an, betrachten es mit Gleichgültigkeit, bemerken nicht die Besonderheiten einer jeden Sache, fühlen keinen Unterschied, und wissen das Gute nicht vom Schlechtem zu unterscheiden. Diesen ist die Welt in allen ihren Beschaffenheiten ganz gleich, und ihre Sorgen und Bemühungen sind bloß auf das, was zur Erhaltung des Lebens unumgänglich nothwendig ist, gerichtet, auf

/ [VII] eben die Art, wie die unvernünftigen Thiere, welche bloß ihrer Bedürfnisse wegen angenehme Wiesen suchen, ohne die Anmuth, welche ihnen die buntfarbigen Blumen, die sie schmücken, verleihen, zu empfinden, oder wie sie sich in Gegenden retten, wo sie Schutz finden, um nicht durch die rauhe Witterung oder die brennende Hitze der Sonne umzukommen, ohne daß ihr Instinct sie in den Stand setzt, den Unterschied zwischen einer ebenen und einer gebirgigen Gegend zu begreifen. Die ergiebige Erde liefert dieser Gattung von Menschen ihre Nothdurft: allein sie können die erste Grundursache, woher jene ihre Fruchtbarkeit erhält, nicht einsehen, und sie stellen keine Betrachtungen über die Eigenschaften, Wirkungen und Besonderheiten der Dinge an, weils sie mit ihrem Verstande weder die Vorzüge, die sie haben, noch den Unterschied, der sich zwischen ihnen findet, erreichen können. Die gelehrtesten Menschen pflegen auch die cultivirtesten und feinsten zu sein; und diesen Vorzug erhalten sie vermittelst [sic] des Unterrichts, wobey das Studium der Welt im Ganzen und in ihren einzelnen Theilen den Grund ausmacht. Je weiter sie von diesen Kenntnissen entfernt

/ [VIII] sind, je mehr nähern sie sich der Unwissenheit, bis sie endlich in eine gänzliche Barbarey ausarten. Wenn man aber das Leben als bloß roh und uncultivirt betrachtet, werden nicht mehrere Kenntnisse, als zum Instincte der unvernünftigen Geschöpfe gehören, erfordert. Dieses zeigt sich nicht allein bey den Indianern, die in ihrem ersten ursprünglichen Zustande bleiben, sondern auch den verschiedenen europäischen Völkern in den nördlichsten Gegenden von Europa, desgleichen in einigen Gegenden von Asia und Africa, welche wenig von jenen unterschieden sind, als nur in so ferne, daß die Indianer bis zur Zeit, da die Spanier zu ihnen kamen, fast alle roh und Barbaren waren, und bey dem geringen Unterrichte, den sie von ihren Beherrschern, die bey etwas mehr Einsichten, als die übrigen besaßen, sich der Oberherrschaft über sie hatten anmaßen können, erhieltensich über diese Sphäre erhoben hatten; da es hingegen in andern Gegenden cultivirte Nationen gegeben hat, die sich jederzeit von denen, die in ihrem ersten ursprünglichen Zustande geblieben, und in der größten Rohigkeit lebten, unterschieden haben; und noch jetzt giebt es in den civilisirten Gegenden noch genug Nationen,

/ [IX] die keine andere Lebensart als die thierische kennen.

Wenn man rohe und uncultivirte Völker kennen lernt, wird man am besten in den Stand gesetzt, zu begreifen, wie viel der Unterricht vermag, und daß ohne denselben diejenigen Grundsätze fehlen, welche die Menschen von den unvernüftigen Thieren merklich unterscheiden. Je weiter dieser Unterricht gehet, um so viel mehr erweckt er den Verstand, und lehrt denken und überlegen; und hierdurch lernt man das Bessere vom Schlechten zu unterscheiden, und läßt dem Verdienste Gerechtigkeit widerfahren, welches in der Art zu denken und die Dinge vernünftig zu unterscheiden und zu beurtheilen besteht. Wem solche Grundsätze fehlen, der kann nicht die höchsten Grade der Vollkommenheit an den Gegenständen, die er vor sich sieht, bemerken und einsehen: denn indem er sie alle nach einerley Maasstabe [sic] oder Modelle abmißt, hält er sie, seiner Meynung nach, alle für gleich, und die einen errgen nicht mehr Bewunderung bey ihm als die andern. Diese Art zu denken bemerkt man bey den Indianern, welche in den einsamen Wäldern sich aufhalten, und zuweilen das Wild ihrer Nahrung wegen jagen,

/ [X] oder in einem kleinen Canot die Fische, so wie es die Seevögel thun, ihres Unterhalts wegen verfolgen. Solche Leute kennen keine Schamhaftigkeit, lassen sich gänzlich von den Leidenschaften hinreißen, und bekümmern sich um keine Dinge in der Welt, weil sie sie nicht kennen. Sie verhalten sich wie die Thiere: sie essen, weil sie der Hunger drückt; sie schlafen, weil das Essen und die Verdauung sie dazu geneigt macht, und treiben ihre Verrichtungen nicht weiter, weil sie die Kräfte dazu nicht anwenden.

Man kann die Welt, und was darin befindlich ist, nicht kennen lernen, ohne eine Kenntniß der Theile, aus denen sie besteht: denn ein einziger derselben giebt noch keinen vollkommenen Begriff von dem, was in den übrigen anzutreffen ist. Dieses Studium setzt die Menschen in den Stand, sich über die andern, die weniger wissen, zu erheben, und macht, daß sie sich stufenweise von dem niedrigsten Grade an bis zu dem höchsten, den der Verstand erreichen kann, empor schwingen. Diejenigen, welche sich am meisten damit beschäftigen, erreichen diesen Vorzug, da sie durch ihre Einsichten die Mittel finden, zu welchen eingescränktere Menschen nicht gelangen können. Wenn die Indianer eben so

/ [XI] unterrichtet und aufgeklärt gewesen wären als die Spanier, so würden sie von diesen nicht so leicht haben unterjocht werden können; es würde ihnen auch nicht befremdend vorgekommen seyn, weiße Leute mit Bärten, und viele andre Dinge, die sie in Erstaunen setzten, zu sehen. Hier ist die Vergleichung zwischen zwey Extremen, dem Größten und Kleinsten, gemacht: zwischen diesen stehen noch sehr viele in der Mitte; bey allen aber ist es ein sicherer Grundsatz, daß derjenige, welcher an Einsichten und Verstande andern überlegen ist, es auch in der Art zu denken und vernünftig zu schließen und zu urtheilen ist.

Seit der Entdeckung von America hat man die gehörige Mühe und den nöthigen Fleiß nicht angewandt, alles das Seltne und den nöthigen Fleiß nicht angewandt, alles das Seltne und Merkwürdige, das daselbst anzutreffen ist, vollkommen kennen zu lernen. Da man diese Kenntnisse als weniger interessant nicht geschätzt hat, so haben sich wenige mit Untersuchung derselben beschäftiget, und man hat daher wenige Nachrichten, außer denen, welche in den unmittelbar auf die Entdeckung und Eroberung folgenden Zeiten gegeben worden sind. Seitdem hat man sie nicht fortgesetzt, noch Untersuchungen, um diese Kenntnisse zu erweitern, angestellt. Daher sind aller Nachricht-

/ [XII] ten von dorther befremdend, insbesondere die, welche die Naturgeschichte der Erde, die Alterthümer, die Sitten, den Charakter, das Genie, und die Neigungen der Einwohner sowohl in ihrem natürlichen Zustande, als nachdem sie unter fremde Herrschaft gekommen sind, betreffen. Ein jeder dieser Gegenstände bietet nicht wenige Besonderheiten dar, welche den Verstand beschäftigen können, und welche eben so viel Materialien zur Kenntniß der Erde und ihrer mannichfaltigen Merkwürdigkeiten sind. Man findet daselbst in Ansehung der Naturgeschichte der Erde einige Erscheinungen, welche in andern Gegenden nicht gemein, und von der Beschaffenheit sind, daß, wenn man sie sich vorstellen wollte, ohne sie gesehen zu haben, man leicht glauben sollte, daß sie möglicher Weise nicht vorhanden seyn könnten, ohne daß die festgesetzten Regeln der Einförmigkeit in der Ordnung der Natur überschritten wären; denn es ist sehr schwer, das zu begreifen, was nicht mit der sinnlichen Vorstellung übereinkommt. Dem ohngeachtet wird der Verstand überredet, und die Vernunft überzeugt, wenn man bemerkt, daß der Allmächtige bey der Schöpfung seine Wunder anbrachte, und ohne die allgemeine Ordnung, die er den

/ [XIII] geschaffenen Dingen vorschrieb, die zufälligen Beschaffenheiten durch die seine Weisheit vorbehaltenen Anstalten vervielfältigte, wodurch er die Wirkungen gänzlich veränderte, und dennoch die sie hervorbringenden Ursachen in ihrer völligen Kraft erhielt, damit die menschliche Vernunft bey Bewunderung der Ordnung und Weise, wie er sie zusammensetzte, ihn desto mehr zu preisen Anlaß hätte. Diese Kenntniß, welche die stärksten Bewegungsgründe zur Erkenntniß des Schöpfers an die Hand giebt, würde die Einsichten, die sie verschafft, nicht erweitern können, wenn diese Besonderheiten in der Vergessenheit vergraben blieben; daher, wenn man auch keinen weiteren Vortheil daraus ziehen könnte, als diesen, wäre dies schon hinreichend, die Bemühung und die Untersuchung der Menschen darauf zu richten.

Die Fossilien und versteinerten Seekörper geben die verschiedenen Revolutionen unsrer Erde auf eine überzeugende Art zu erkennen; welcher Theil der Naturgeschichte nicht weniger interessant ist, wenn man auch das, was zum Unterrichte dienen kann, bey Seite setzt, und ihn bloß als Unterhaltung betrachtet. Man entdeckt dadurch, daß die merkliche Verschie-

/ [XIV] denheit in Ansehung der mannichfaltigen Beschaffenheit der Länder kein Hindernis war, daß sie alle gleiche Zufälle erfuhren, wovon sie noch Merkmale, die dieses beweisen, und keinen Zweifel übrig lassen, übrig haben. Diese Denkmäler beschämen den Unglauben; welches ein hinlänglicher Bewegungsgrund ist, sie zu allen Zeiten der Hochschätzung der Gelehrten würdig zu machen, die die wichtigsten Glaubenswahrheiten dadurch unterstützt, und durch in die Sinne fallende Beweisthümer, welche keine Ausflüchte zulassen, die Verwegenheit der Ungläubigen besiegt, und sie genöthigt haben, die Wahrheit einzugestehen, welche sie, durch Bosheit angetrieben, bestritten hatten.

Die Kenntniß der verschiedenen Völker der Erde, ihrer Gebräuche, Sitten und Neigungen klärt den Verstand auf, und zeigt, worinnen sie sich von einander unterscheiden. Einige sind zur größten Cultur und der größten Vervollkommnung ihrer natürlichen Einsichten und Vernunft aufgelegt; andere hingegen sinken herab zu dem Stande der größten Unwissenheit bey einem unausgebildeten und thierischen Leben, zu einer plumpen, rohen und den Thieren ähnlichen Lebensart, und zu einer Un-

/ [XV] schicklichkeit in allen ihren Handlungen. Hieraus zieht man den Vortheil, daß man den Unterricht und die Aufklärung schätzen lernt, und einsieht, was man der Unterweisung zur Kenntiß des Guten und Verabscheuung des Bösen zu danken hat, und daß ohne eine solche Anweisung die Menschen ihre Kräfte des verstandes nicht würden brauchen können, wie der Fall bey den Indianern ist, welche in einem Zustande von Barbaren bleiben, ein Leben wie wilde Thiere, ohne Kenntniß von Gott und ohne Anschein der Vernunft führen. Aus solchen Nachrichten lernt man auch die Ungleichheit der Menschen unter einander einsehen, und daß sie nicht alle einander gleich kommen, ob sie gleich im Bau des Körpers, im Ganzen betrachtet, bis auf einige an ihnen zu bemerkende Abweichungen einander ähnlich sind. Man lernt ferner die weisen Einrichtungen des erhabenen Schöpfers erkennen, der allen einen gemeinschaftlichen Ursprung gegeben, und sie dennoch aus Ursachen, die dem menschlichen Verstande unbegreiflich sind, von einander verschiedne gemacht, und hierinnen seine Größe und unermeßliche Weisheit am meisten gezeigt hat, damit sie nach den verschiedenen Weltgegenden,

/ [XVI] Ländern und Oertern [sic], die sie bewohnen, von einander sich unterscheiden sollten, und zugleich zu erkennen gegeben, daß Dinge, die in zufälligen Eigenschaften von einander abweichen, aus einem einzigen Grunde entstehen, ohne daß sie im Wesentlichen verändert oder verschieden sind; eben so, wie im Kleinen, in Familien keine vollkommene Aehnlichkeit zu bemerkne ist, obgleich die, welche sie ausmachen, von einem gemeinschaftlichen Stamme entsprossen sind. Diese Kenntnisse beleben den Verstand, und reißen ihn aus dem Schlummer der Unempfindlichkeit, lehren ihn die Art, durch Vergleichungen zu schließen, und erhalten seine Kräfte in Uebung, die außerdem eben so begrenzt und eingeschränkt seyn würden, als bey den übrigen Völkern, die nichts weiter kennen, als das gegenwärtige, und das, was zur Erhaltung des Lebens unumgänglich nothwendig ist.

Die Nachrichten aus dem Alterthum sind die glaubwürdigen Beweise von dem, was die menschen in den damaligen Zeiten gewesen sind; vermittelst derselben kann man bestimmen, wie weit sie cultivirt, und wie ihre Einrichtungen, ihre Regierungsform und ihre Oekonomie beschaffen gewesen sind. Daher wür-

/ [XVII] de man ohne die Denkmäler, die zwar durch die Länge der Zeit gelitten, sich aber noch zum Theil in einigen Gegenden erhalten haben, keine gültigen Beweisthümer finden, woraus erhellte, wie weit sie fortgeschritten sind, aber wie viel sie verloren haben, wie groß ihre Volksmenge, ihre Industrie, ihre Tapferkeit, ihre politischen und ökonomischen Grundsätze beschaffen waren. Aus ihnen ersieht man die Aehnlichkeit, die sich zwischen dem einen und dem andern Volke befand, und vermittelst derselben kann man auch dazu gelangen, so viel als möglich ist, ihren ersten Ursprung auszuforschen: ein Umstand, der besonders interessant ist. Dieses findet auch bey den Indianern Statt; denn da diese von allen andern Ländern abgesondert wohnen, und sich in Betracht der Farbe und einiger anderer zufälliger Beschaffenheiten ihres Körperbaues von anderen Völkern unterscheiden, so ist es sehr schwer, die Art und Weise, wie sie in jenen Welttheil hinüber gekommen sind, und woher sie ihren Ursprung haben, zu bestimmen. Diese Gegenstände würden auf keine Weise aufzuklären seyn, wenn sich nicht in den Ueberbleibseln verschiedener Werke, in

/ [XVIII] ihren Sitten und Gewohnheiten und andern Merkwürdigkeiten eine ganz natürliche Auflösung fände, welche durch eine mit Einsichten und Kenntnissen unternommene Nachforschung entdeckt wird. Diese Vortheile erlangt man durch die Nachrichten von Alterthümern, und von den Producten der Erde, durch Beschreibungen der Länder und Klimate, und durch Untersuchungen der Form und Structur der einzelnen Theile der Erdkugel; denn dies sind die Mittel, durch die man Unterricht und Aufklärung erhält, und in den Stand gesetzt wird zu schließen und zu unterscheiden, ohne durch den Abgang gehöriger Einsichten eingeschränkt zu seyn, wie es denen gehet, welche diese fehlen, und die, da sie keinen Sinn dazu dazu haben, keine Fähigkeit besitzen, einen Unterricht zu machen, und sie nach ihrem Nutzen gehörig zu schätzen.

Wenn es Völker giebt, die noch etwas von dem ursprünglichen Stande der Natur des menschen beybehalten haben, so müssen es ohne Zweifel die Indianer seyn. Da diese in einer Lage geblieben sind, wodurch sie von dem Umgange und der Gemeinschaft mit den übrigen Völkern abgesondert

/ [XIX] und entfernt waren, so ist es ganz natürlich, daß sie einige Dinge unter sich erhalten haben, welche die ersten Bevölkerer dieses Welttheils mitgebracht hatten, vorzüglich da sie in den Dingen, welche zum gewöhnlichen Gebrauche im gemeinen Leben gehören, keine Anlage noch Talente zu Erfindungen oder Neuerungen an sich merken lassen. Man kann daher aus dem, was man an denen, welche noch in einer gänzlichen Rohigkeit und ohne alle Cultur leben, bemerkt, abnehmen [sic], was die Menschen in dem ursprünglichen ersten Zustande der natur müssen gewesen seyn, ehe sie anfiengen durch das das Studium der Naturkunde aufgeklärt und civilisirt zu werden, und wodurch sie zu den vorzüglichen Kenntnissen der Dinge auf der Erde, der Gestirne, und durch alle diese zusammen zur Erkenntnis des Schöpfers und seiner unendlichen Weisheit, mit der er alles geordnet und zusammengesetzt hat, gelangten.

Gegenwärtiges Werk ist in Unterhaltungen*) (Entretenimientos) abgetheilt, welche als Ueberschrift gewählt worden, weil es für die Wißbegierde eben so interessant als lehrreich seyn soll. Es ist dieses eine Eigenschaft der Werke, welche von physikalischen Gegenständen und von der Geschicht der Völker handeln, und welche sich durch Nachrichten von weniger bekannten Dingen den Lesern empfehlen; insbesondre aber, wenn man darinnen mehr die Sprache der Wahrheit als der Bewunderung, welche das Außergewöhnliche zu erregen pflegt, antrifft. In diesen Fehler kann man bei den Beschreibungen und Nachrichten von entfernten Ländern gar leicht geraten, zumal wenn die Genauigkeit fehlt, mit welcher ungewöhnliche Gegenstände untersucht werden müssen. Es geschieht nicht selten, daß man sich in der Vorstellung, die man sich davon macht, irrt, oder den gemeinen Begriffen des großen Haufens einen zu großen Werth beylegt; und indem man in einen oder den andern Fehler fällt, überrascht man das Publicum, das man durch ungewisse Nachrichten täuscht, die es wegen des Hangs, den wir alle zu dem, was am stärksten in die Sinne fällt, haben, mit Bereitwilligkeit annimmt. Hier hat man sich bemüht, diese Fehler zu

[Fußnote]*) Man hat es in der deutschen Uebersetzung für schicklicher gefunden, statt Unterhaltungen Abschnitte zu setzen. A. d. Ueb.

/ [XX] vermeiden, und eine genaue Beschreibung der Dinge zu geben, und das, was sie Außerordentliches haben, nebst Beurtheilung der Ursachen, woher diese Ungleichheit rührt, besonders auszuzeichnen, damit, indem es beym Lesen unterhält, man zugleich auch darinnen die Verschiedenheit des Landes, die verschiedenen Klimate und Witterungen, die Producte, und alles, was jene entlegene Länder eigenes haben, übersehen könne, und, da man den Grund von allem diesem angegeben findet, auch der Verstand befriedigt werde. Man wird zu gleicher Zeit erkennen müssen, daß die merklichen Verschiedenheiten, die sie in Ansehung dessen, was nach den gemeinen Einsichten der Menschen gewöhnlich ist, haben, nothwendig seyn müssen, um den zufälligen Ursachen, welche die Mannichfaltigkeit hervorbringen, zu entsprechen.

Es ist nur noch der Wunsch übrig, daß das Publicum, das am meisten hierbey interessirt ist, und dem dieses Werk zum Besten geschrieben worden, es als einen Beweis der Absichten, die es zu schreiben veranlaßt haben, aufnehmen möge. Es werden demselben hier nachrichten mitgetheilt, die man für sich

/ [XXI] allein nicht erhalten kann, und zugleich ein bequemes Mittel an die Hand gegeben, andere Länder, die von denen, die ein jeder kennt, sehr verschieden sind, und andere Erscheinungen, andre Völker, andre Thiere und Producte kennen zu lernen. Wenn man bey diesen Absichten so glücklich ist, den Beyfall des Publicums zu erlangen, so wird er für die auf die Verfertigung dieses Werks verwandte Arbeit, und für den mühsamen Fleiß bey der genauesten und sorgfältigsten Beobachtung der merkwürdigsten Gegenstände der Welt, und der bewunderungswürdigsten Werke der Natur, eine schätzbare und reichliche Belohnung seyn.

Teil 2: Vorrede des Uebersetzers (pp. III-VII) – Auszüge

pp. III-IV […] Der Verfasser derselben, Don Antonio de Ulloa, welcher sowohl als Gelehrter, als auch als einer der vornehmsten Befehlshaber | der spanischen Seemacht, auch außerhalb seines Vaterlandes rühmlich bekannt ist, stammt aus einer der edelsten und vornehmsten Familien in Spanien ab, und ward im Jahre 1716 zu Sevilla geboren.

p.VII: Man wird durchgängig den wohl unterrichteten Naturkundiger, den genauen Beobachter, den von Vorurtheilen befreyten Denker, und den für sein Land warmen Patrioten bemerken. […] Eine ihm eigne zu gekünstelte und selbst nach dem Geständnisse verschiedener Spanier oft schwer zu verstehende Schreibart ist vielleicht das Einzige, was an diesem so schätzbaren Werke auszusetzen wäre.

Texte transcrit par Torsten Rox – Text transkribiert von Torsten Rox – Texto transcrito por Torsten Rox

Zuletzt geändert: 2012/08/29 10:51